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Engel – Texte von Linda Karen

Texte von Linda Karen

Engel

für mich

haben viele Gesichter

diese Engel sind da

Menschen

Engel

für mich

du passt auf

Ich darf dir vertrauen

Gottvertrauen

Ich habe einen Engel getroffen

Er nahm mich mit

tragend zwischen seinen Flügeln

und brachte mich zum Himmelsparadies.

Engel in verschiedensten Kreationen, las meine Schwester, sechs Wochen nach Weihnachten, an der Beerdigung unserer Mutter vor, traf man in deinem Wohnzimmer, auf Postkarten, im Bücherregal, am Fenster, auf dem Fernseher. Entweder aus Glas oder Porzellan. Sie standen in deinem Glasschränkchen und du hattest einen speziellen Bezug zu Ihnen. Sehr wahrscheinlich fühlten sich dadurch die vielen Engel, die täglich als Personen bei dir ans Bett kamen so willkommen. Sie passten perfekt in die Gedanken von dir, wer ein Engel sein könnte. Jemand, der aus aufrechter Sorgsamkeit dir Aufmerksamkeit brachte. Das konnte deine Schwägerin und dein Schwager sein, die dich besuchten und vom eigenen Gemüse aus ihrem Garten eine Gemüsesuppe für dich gemacht hatten oder die Ehrenamtliche, die mit einem Stückchen Fisch vorbei kam, zum Gespräch und längst zur Freundin geworden war. Es konnte die Schwester der Pflege sein, die dir dein Kissen nochmal anders unter deinen Kopf legte oder mit ihrer Hand über deine Wange streichelte, das hattest du immer so gerne. Es konnte der indische Pfleger sein, mit dem du am Anfang, als er zur Pflege kam, Mühe mit hattest und mir sagtest: „Muss ich mich als alte Frau jetzt auch noch von so einem Jungen Mann waschen lassen?“ und der später dein Lieblingspfleger wurde, weil ihr so viele gute Gespräche mit einander hattet und er dich pflegte mit Würde und großem Respekt. Ein Anruf, ein Lächeln, all dies machte den Tag meiner Mutter gut, die ihre letzte vier Jahre, die sie lebte, bettlägerig war. Sie bekam viele Besuche von früheren Nachbarn, Menschen aus ihrer Straße, wo sie immer gewohnt hatte, von Patenkindern, Neffen und Nichten Es gab nicht mehr so viele ältere Menschen um sie herum. Wenn man 92 Jahren alt wird, sind viele, die man gekannt hat schon verstorben. Die Familie und der Freundeskreis war groß, denn mein Vater kam aus einer Familie von zwölf Kindern. Diese Besuche und Anrufe machten ihr viel Freude. Sie machten ihr Leben lebenswert, auch wenn es manchmal schwierig für sie war, an dieses Bett gebunden zu sein. Sie traf viele Menschen mit Engelszüge und viele Engel mit Menschengesichter. Du hattest viele helfende Hände, die dein Leben so lebenswert gemacht haben um dich herum. Genau so, wie deine Hände das so oft taten, als du es noch konntest. Was hast du genäht für andere, gestrickt für uns Kinder und später für Kinder aus Ost Europa. Worte meiner Mutter, als wir merkten, als ihr der letzten Abschied doch schwerer fiel, als gedacht: „Ihr habt gut reden“, sagte sie dann, „ihr braucht nur Abschied von eurer Mutter zu nehmen, aber ich von so vielen Menschen, die ich lieb habe.“

Auch in dieser letzten Lebenszeit hattest du deine Engel real und in Gedanken um dich herum, um dich auf deiner allerletzten Reise zu begleiten. Hier danken wir ganz besonders deinem langjährigen Hausarzt und dem Pflegedienst und der Frau, die deine Wohnung jahrelang geputzt hat und fast wie eine Tochter für dich war. Sie allen waren Engel für dich.

Rainer Maria Rilke sagt….

Wäre es möglich, weiter zu sehen, als unser Wissen reicht, vielleicht würden wir dann unsere Traurigkeiten mit größerem Vertrauen ertragen, als unsere Freuden.

Denn sie sind die Augenblicke, da etwas Neues in uns eingetreten ist, etwas Unbekanntes.

Unsere Gefühle verstummen in scheuer Befangenheit, alles in uns tritt zurück, es entsteht eine Stille, und das Neue, das niemand kennt, steht mitten darin und schweigt.

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